Sie können eingreifen!

Ein Gespräch mit dem operativen Fallanalysten Maximilian Mitera

Der heute 48-jährige Hauptkommissar Maximilian Mitera verfügt als operativer Analyst über eine jahrzehntelange praktische Erfahrung bei spezialisierten Einheiten der Polizei, bei Sicherheitsbehörden und letztlich beim Nachrichtendienst. Er hat privat ein Buch geschrieben, um die von ihm entwickelte ROMI-Methode® bekannter zu machen. Sie ermöglicht, Prozesse einer Schadensentwicklung frühzeitig sichtbar zu machen und präventiv tätig zu werden.

Sie beschäftigen sich nicht nur beruflich, sondern auch privat seit langem mit den Bereichen Radikalisierungsprävention und Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus, warum?

Für mich waren die Bilder von den rechtsextremistischen Übergriffen in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 bereits ein entscheidender Auslöser. Dort haben Hunderte von Rechtsextremisten, begleitet von rund 3.000 applaudierenden Sympathisanten, über mehrere Tage eine zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber angegriffen. Immer wieder habe ich mich gefragt, was Personen dazu bringt, Gewalt gegen ihnen völlig unbekannte Menschen auszuüben und ob man nicht wesentlich früher in diese Eskalation eingreifen kann. Also am besten dann, wenn noch gar kein Schaden entstanden ist. Das lässt mir bis heute keine Ruhe.

In den letzten zwei Jahren haben Sie an einem Buch gearbeitet, das das Thema der Radikalisierung aufgreift. Sehen Sie dies als ein Hauptproblem der heutigen Gesellschaft?

In dem Buch geht es nicht nur um die Radikalisierung als solche, sondern allgemein um Schadensentwicklungen, wie man diese frühzeitig erkennt und präventiv in eine Eskalation eingreifen kann – und in meinen Augen auch muss. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt wegzusehen, wo man durch ein beherztes eigenes Eingreifen Schaden noch rechtzeitig verhindern könnte.

Bedeutet das, dass nunmehr jeder zum eigenen Sheriff im Dorf wird? Untergräbt das nicht die Polizeiarbeit?

Nein, Eingreifen heißt hier, frühzeitig harmonisierende Maßnahmen einzuleiten, also beispielsweise Mitarbeitergespräche zu führen, um kriminelle Energien gar nicht erst freizusetzen. Es kann auch bedeuten, belastbare Warnhinweise zu ermitteln, die ein polizeiliches Eingreifen ermöglichen. Nur aufgrund von Gerüchten und Behauptungen fehlt den Behörden oftmals die Handhabe, um tätig zu werden.

Also werden wir alle zu kleinen Detektiven, auf der Suche nach Straftätern?

Ich bin sehr gern Polizist, das war und ist meine Berufung, aber ich bin vor allem auch Humanist und verbinde bewusst das eine mit dem anderen. Ich möchte nicht erst dann einem Menschen gegenübertreten, wenn ich eine Straftat zu ermitteln habe. Meiner Auffassung nach wird kein Mensch zum Täter geboren, sondern es gibt eine Entwicklung, bei der jeder oder jede von uns viele der Faktoren erkennen kann. Wir sollten aktiv eingreifen, wenn sich ein Mitmensch radikalisiert und im besten Falle, diese Entwicklung aktiv unterbrechen. Ich wünsche mir, die Welt ein klein wenig sicherer zu machen, wenn wir alle verstehen, wie wir zum Beispiel mit der Anwendung der ROMI-Methode® in Schadensentwicklungen aktiv eingreifen können.

Sie waren bei dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen im März 2009 mit ihrem Team ein Teil der ersten eintreffenden spezialisierten Polizeikräfte vor Ort. Sie haben diese Erfahrung in einer sehr bewegenden Kurzgeschichte verarbeitet. Wie geht man als Polizist und als Mensch mit den Eindrücken am Tatort um?

Selbst wenn man sehr gut trainiert und ausgebildet – sozusagen gut vorbereitet ist ­– kann sich niemand auf solch schreckliche Ereignisse, von denen ich leider mehrere erleben musste, 100%ig vorbereiten. Wie es einen mental erwischt und wie man solche Ereignisse letztendlich verarbeitet, weiß man erst danach. Als operativer Analyst ist es manchmal ein Fluch, aber oft auch ein Segen Empathie zu haben und mehr wahrzunehmen als viele andere. Die Gesichter der Kinder, die an der Scheibe der Klassenzimmer der Albertville-Realschule die eintreffenden Polizeibeamten dringend herbeisehnten, werde ich nie vergessen. Die Hinterbliebenen der Opfer sowie die Hinterbliebenen des Täters, aber auch die Einsatzkräfte sind diejenigen, für die nach diesem Tag alles anders war. Da mich dieser Einsatz noch sehr lange beschäftigte, schrieb ich eine Kurzgeschichte aus der Sicht eines fiktiven Familienmitglieds des Täters. In dieser Geschichte aus dem Jahr 2009 beschrieb ich die Situation vor, während und nach dem Amoklauf aus der Sicht des fiktiven Bruders des Täters. Während ich diese Geschichte schrieb wurde mir umso mehr bewusst, dass Warnhinweise auf eine Gewalttat bestimmte Muster haben. Wenn wir sie erkennen, ermöglicht uns das, die Entwicklung des Täters mit vorbeugenden Maßnahmen zu unterbrechen.

Hätte man diesen Amoklauf mit der ROMI-Methode® verhindern können?

Seit 2009 arbeitete ich an einer praktisch anwendbaren Methode, um solche Verhaltensmuster sichtbar zu machen, Menschen richtig einzuschätzen und Situationen zu entschärfen. Nach einer solchen Tat halte ich es für absolut vermessen zu sagen, dass man sie hätte verhindern können. Was ich jedoch sagen kann ist, dass jede erkannte Gewaltentwicklung auch eine Chance darstellt, die Entwicklung hin zum Täter mit vorbeugenden Maßnahmen zu unterbrechen. Eine Chance, ihm oder ihr eine andere Zukunft, einen anderen Weg aufzuzeigen und dabei zu unterstützen, zu leben und leben zu lassen. Die Präventionsarbeit an den Schulen hat in diesem Zusammenhang bereits sehr viel geleistet, um sensibler für solche Warnhinweise zu sein. Wir sollten es aber alle sein!